NASCAR Saison 1969 – Neue Fahrergewerkschaft und Streikbereitschaft

Am Sonnabend Nachmittag traten die Grand Touring Wagen zu ihrem 400 Meilen Rennen an. Ken Rush aus High Point, North Carolina, fuhr seinen Chevrolet Camaro als erster durchs Ziel. Es gab keine Dreher und Unfälle, geschweige denn irgendwelche Probleme mit den Reifen. Nach dem GT Rennen hatte ein weiteres Duzend Grand National Teams ihre Wagen aufgeladen, aber noch keiner hatte das Fahrerlager bisher verlassen. NASCAR Offizielle klapperten die Grand Touring Boxen ab und baten die Fahrer, zu bleiben, weil sie am Sonntag gebraucht werden könnten. Als die Sonne am Horizont versank, war eine grollende Stimme über die Streckenlautsprecher zu vernehmen. „Alle Grand National Mannschaften, die morgen nicht starten wollen, verlassen sofort die Garage Area, damit die Anderen Platz für die Arbeit an ihren Fahrzeugen haben.“ Alles oder Nichts. Es ist der Moment der Wahrheit. Augenblicke später unterbricht ein startender Lastwagenmotor die Stille. Mit aufgeblendeten Scheinwerfen verlässt das berühmte Team mit der Nummer 43 das Fahrerlager, mit 32 weiteren Grand National Teams im Schlepptau.

Das Talladega 500 fand wie geplant vor 62.000 Zuschauern statt. Alle Zuschauer hatten am Eingang einen Zettel mit einer Erklärung von Bill France erhalten. In diesem Statement stellt er sich als überraschtes Opfer eines von seinen Rennfahrern im Stich gelassenen Veranstalters dar. Gleichzeitig versprach er den Zuschauern, das ihre Eintrittskarten auch für das kommende Rennen in Daytona oder Atlanta Gültigkeit hätten. Am Start standen 12 Grand National Wagen, entsprechend ihrer erzielten Zeit in der Qualifikation. Der Rest des Feldes war aufgefüllt mit 23 Grand Touring Wagen, die sich in Reihenfolge ihres Zieleinlaufs dahinter aufreihen durften. Bobby Isaac in seinem K+K Insurance Dodge Daytona stand auf der Pole Position. Neben ihm auf Position zwei stand Jim Vandiver, in letzter Minute für Bobby Johns im Ray Fox Dodge Charger eingesprungen. Jim Hurtubise im L.G, DeWitt Ford stand auf Platz drei. DeWitt, Vizepräsident des North Carolina Motor Speedway in Rockingham war von Bill France bekniet worden, den Wagen im Feld zu belassen. Weitere Grand National Fahrer, die sich dem Boykott nicht angeschlossen hatten: Dr. John Tarr, Dick Brooks, Ramo Stott, Coo Coo Marlin, Roy Tyner, Homer Newland (ARCA Fahrer), Richard Brickhouse, Les Snow (ARCA Fahrer),Earl Brooks (Privatfahrer) und Tiny Lund (als Ersatz für den qualifizierten Bill France!). Isaac führte nur in der ersten Runde das Feld an, danach hatte sein Dodge, trotz moderater Geschwindigkeiten, große Probleme mit den Reifen. Richard Brickhouse gewann das erste Talladega 500, sieben Sekunden vor Jim Vandiver. Der dritte Platz ging an Ramo Stott, vor dem glücklosen Polesitter Bobby Isaac. Vor der Presse zitierte Bill France den verstorbenen Cannonball Baker: „Wer aufgibt, kann nicht gewinnen und Gewinner geben nicht auf. Die Jungs, die heute gefahren sind, sind echte Gewinner.“

In den Zeitungen ging der Streit zwischen der PDA und Bill France am Montag weiter. Die Tinte war noch nicht getrocknet, als NASCAR die Verschiebung des Wilkes 400, auf dem North Wilkisboro Speedway, vom 21. September auf den 5. Oktober bekannt gab. Streckenpräsident Enoch Staley begründete die Verschiebung mit dem „Schutz des Publikums und der Sponsoren, vor Dingen, wie wir sie am vergangenen Wochenende in Talladega erleben durften.“

D
och Bill France reagierte nicht nur Presseerklärungen, sondern handelte auf für ihn typische Art und Weise. Er führte eine Klausel im NASCAR Regelbuch ein, nach der Wagen, die für ein Grand National Rennen gemeldet hatten, auch teilnehmen mussten. War der dafür vorgesehene Fahrer verhindert, war der Besitzer aufgefordert, einen Ersatzfahrer zu benennen. France flog nach Detroit um die neue Vorschrift mit den Automobilherstellern zu diskutieren. Von Ford, wie auch Chrysler, wurde sein Ansinnen jedoch abgelehnt. „Das war absolut lächerlich,“ sagte ein Chrysler Sprecher. „Unsere Fahrzeuge wären bis zum Ende des Rennwochenendes im Besitz des Veranstalters gewesen.“ Innerhalb weniger Tage hatte France etwas neues ausgeheckt und präsentierte neue Meldeformulare für die kommenden Rennen. Darin enthalten war eine Bürgschaft des Vertrauens an das Publikum, das in verklausulierten Worten den Fahrern und Wagenbesitzern das Versprechen abnahm, mit ihrer Unterschrift, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um am Rennen teilzunehmen.

F
ür den 24. September kündigte die PDA ein Mitgliedertreffen in Charlotte an. Alle Streckenbesitzer und Veranstalter, namentlich auch Bill France waren dazu herzlich eingeladen. Flugs organisierte France ein Meeting für Veranstalter zum 23. September in Greensboro. Hier informierte der NASCAR Präsident über die neue Bürgschaftsklausel in den Entry Blanks. Doch wichtiger noch, er forderte seine Gäste auf, auf keinem Fall der Einladung zum Treffen der PDA am nächsten, zu folgen. Die meisten Veranstalter blieben dem PDA Treffen fern, bis auf Richard Howard vom Charlotte Motor Speedway, J.Elsie Webb vom North Carolina Motor Speeway und Clay Earles vom Martinsville Speedway. Alle drei erwarteten den Grand National Zirkus noch auf ihren Strecken und hatten das Gefühl, das es besser wäre zu wissen was läuft. „Der Talladega Zwischenfall liegt hinter uns,“ erklärte Richard Petty. „Alle PDA Mitglieder werden in den verbleibenden 10 Rennen antreten. Dieses Treffen soll helfen, die aufgetretenen Irritationen zu beseitigen.“ 36 Fahrer unterzeichneten die neuen Entry Blanks, einschließlich der neuen Bürgschaft, für die Rennen in Charlotte, Rockingham und Martinsville. PDA Vizepräsident Elmo Langley zeigte sich von der Abwesenheit Bill France enttäuscht: „Die ganze Zeit hat er versucht bei uns reinzukommen. Jetzt war er eingeladen und kommt nicht.“ „Ich hatte wichtiges zu tun,“ ließ dieser mitteilen.

E
s hatte im Vorfeld des Rennens von Talladega viele Gerüchte über einen Streik oder Boykott gegeben, der Bill France treffen sollte. Aber alle vorgefassten Gründe, wenn es wirklich welche gab, waren vergessen, als das Desaster mit den Reifen und die schlechte Beschaffenheit der Strecke, den Fahrer viel wichtigere Gründe für einen Boykott an die Hand gaben. Bill France handelte, wie es seinem Naturell entsprach: Konfrontation bis aufs Messer mit seinen Widersachern und viel Verständnis für das Publikum, mit dem Geschenk eines zweiten Rennens auf jede verkaufte Eintrittskarte.

© 1989 Gregory Lawrence Fielden
FORTY YEARS OF STOCK CAR RACING
Deutsche Fassung © 2006 Reiner Melching

Autor: Reiner Melching