NASCAR Saison 1960 – Drei neue Speedways und Live Übertragung im TV

Jack Smith hatte alle seine Boxenstops entsprechend den Regeln absolviert, und sich einen quasi uneinholbaren fünf Runden Vorsprung, bei noch etwas mehr als 50 noch zu fahrenden, erarbeitet. Mit leicht gedrosselten Tempo sah er den letzten Runden entgegen, als ein Asphaltbrocken ein Loch in den Benzintank seines Pontiac schlug. Wagenbesitzer Bud Moore und Mechaniker Pop Eargle krabbelten unter den Wagen, um zu prüfen wie man das Leck abdichten könnte. Doch Stofflumpen und Stahlwolle führten zu keinem vernünftiges Ergebnis. „Wir brauchen ’n Stück Seife?“ brüllte Moore. Einer der Mechaniker plünderte seine Waschtasche und Smith konnte 48 Runden vor Schluss wieder auf die Streck gehen. Er wurde als 12. beim ersten Word 600 gewertet. Joe Lee Johnson, aus Chattanooga, Tennessee, wurde als Sieger abgewunken und sicherte sich $27.150 der $106.250 umfassenden Börse. Immerhin 35.462 Zuschauer erlebten fünfeinhalb Stunden Renngeschichte.

Nur 6 Wochen nach dem World 600 richtete der Atlanta International Raceway mit dem Dixie 300 sein Eröffnungsrennen aus. Eigentlich schon für den November 1959 geplant, verlängerten konstruktive Probleme und fehlendes Geld die Bauarbeiten um ganze 8 Monate. Dafür waren diesmal schon eine Woche vor dem Rennen die Asphaltierungsarbeiten abgeschlossen. Aber wie in Charlotte war auch hier die Garage Area noch eine Zeltstadt, kein Grashalm hielt die staubige Erde am Boden und an den Tribünen wurde während der Trainingstage noch kräftig Beton gegossen. Trotz der anhaltenden Bautätigkeit kamen am 31. Juli fast 25.000 Zuschauer um das erste Dixie 300 zu sehen. Ernie Moore, der mit der grünen Flagge das Feld auf die Reise schickte, wurde im Laufe des Rennens auf seinem Flaggenstand von einem Metallteil getroffen. Eine längere Gelbphase war notwendig um den Verletzten vorsichtig aus seinem Hochstand zu holen. Sein Ersatzmann Roby Combs übernahm den Flaggenjob und winkte nach 200 Runden Fireball Roberts als Sieger ab.

Wöchentliche Zusammenfassungen vom Rennsport, darunter auch von NASCAR, gab es nun schon eine ganze Zeit lang im amerikanischen Fernsehen. Doch am Sonntag dem 31. Januar 1960 wagte CBS-Television einen neuen Schritt. In der Sendung „CBS Sports Spectacular“ wurden die beiden Pole Position Rennen der Grand Nationals über jeweils 25 Runden, und ein paar Compact Car Rennen von den Daytona Speedweeks — Live — übertragen. CBS hatte 50 Leute aus New York für diese zweistündige Live-Berichterstattung in das sonnige Florida geschickt. Der Moderator Bud Palmer, relativ unerfahren in Sachen Autorennen, kommentierte die Aktionen die er auf dem Monitor verfolgte. In einem spannenden Finish siegte Cotton Owens vor Jack Smith im ersten der beiden Pole Rennen und sicherte sich so die innere Pole Position für das zweite Daytona 500. Smith hielt sich dafür im zweiten Pole Rennen schadlos, an dem wieder alle Fahrer, außer Owens, startberechtigt waren. Das erste Compact Car Rennen fand auf dem 3,81 Meilen langen Straßenkurs statt, der im Infield lag und nur einen Teil des äußeren Speedways nutzte. Marvin Panch siegte in diesem 10 Runden Rennen auf einem Plymouth Vailiant. Auch beim zweiten Rennen, diesmal auf dem Speedway und über 20 Runden, hieß der Sieger Marvin Panch. Die Compact Car Rennen waren ausgeschrieben für alle amerikanischen Kleinwagen sowie ausländische Modelle, die in Form einiger Volvos und Simcas teilnahmen. Glaubt man den Statistiken, verfolgten damals 17 Millionen Zuschauer dem Geschehen auf dem Bildschirm. CBS traute sich aber noch nicht an eine Übertragung eines kompletten 500 Meilen Rennens, sondern meinte, das die Fernsehzuschauer lieber mehr aber dafür kürzere Rennen sehen wollten. Die beiden Pole Position Rennen der Grand Nationals waren jeweils 10 Minuten, die der Compact Cars 24 bzw. 25 Minuten lang, und passten so besser in das Konzept. Nur 12 Tage später versuchte sich auch NBC an einer, wenn auch zeitversetzten, Übertragung. Die Autolite Challenge, ein Einladungsrennen über 10 Meilen = 4 Runden, wurde in NBC’s „Today“ Sendung ausgestrahlt. Johnny Beauchamp siegte nur Zentimeter vor Ned Jarrett in einem Rennen, das insgesamt nur fünf Minuten dauerte.

Daytona 500 1960Das Daytona 500 vom 14. Februar 1960 war, im Gegensatz zum Vorjahr, gekennzeichnet von vielen Unfällen. Starke Winde, in Böen bis Windstärke 6, machten die Fahrt auf dem Hochgeschwindigkeitsoval für die Fahrer zu einem reinen Glücksspiel. Am Ende waren so viele Wagen schwer beschädigt, das NASCAR einige Rennen der folgenden Woche absagen musste. Es traf das 100 Meilen Rennen auf dem Palmetto Speedway in Miami und ein weiteres auf Hollywood Speedway von Hallandale. Kelly Kellum, Besitzer des Hollywood Speedway, hatte gerade mal zwei Anmeldungen, von Rex White und Jim Reed, zurückerhalten. „Ich kann ja nicht $4.200 Preisgeld für ein Rennen zwischen zwei Fahrer ausgeben,“ grollte er.

20th Century LimitedAm 11. Mai 1960 starb Edwin G. „Cannonball“ Baker, NASCAR Bevollmächtigter seit der Gründung 1949, in Indianapolis an einem Herzinfarkt. Der 1882 geborene Baker war schon 78 Jahre alt, als er vier Tage zuvor seinen letzten öffentlichen Auftritt beim Rebel 300 in Darlington hatte. Cannonball Baker wurde bekannt durch seine Rennveranstaltungen auf öffentlichen Straßen, darunter 143 Rennen gegen die Uhr quer durch die USA für Autos und Motorräder. 1914 gab ihm eine New Yorker Zeitung den Spitznamen Cannonball als er nach einer transkontinentalen Rekordfahrt in der Stadt eintraf. Er schätze, das er insgesamt 8,9 Millionen Kilometer mit dem Auto oder Motorrad im Renntempo durch die USA zurückgelegt habe, und dabei nur ein paar Narben aber viele Trophäen gesammelt hatte. Sein Meisterstück war die Fahrt 1928, auf einem Franklin, von New York nach Chicago, bei der er die Zeit des damals schnellsten Zuges, dem „20th Century Limited“ unterbot. Baker gewann auch das erste Rennen, das auf dem Indianapolis Motor Speedway ausgetragen wurde, ein Motorradrennen im Jahre 1909. NASCAR hatte eine seiner schillerndsten Figuren verloren, und Bill France ließ sich bis zum November Zeit bevor er den Posten des NASCAR Bevollmächtigten neu besetzte — Harley J. Earl, ehemaliger Vize Präsident von General Motors.

Rex White gewann den Grand National Titel mit großem Vorsprung vor Richard Petty, der seinen Vater und Vorjahreschampion Lee Petty noch nicht beerben konnte. White gewann 6 von 44 Rennen, mehr als jeder andere Fahrer in dieser Saison, und kassierte Preisgelder und Punkteprämien in Höhe von $57.524.

© 1988 Gregory Lawrence Fielden
FORTY YEARS OF STOCK CAR RACING
Deutsche Fassung © 2005 Reiner Melching

Autor: Reiner Melching